Klassische Musik als therapeutisches Agens

Klassische Musik als therapeutisches Agens

Die Vorstellung vom Musikhören zu therapeutischen Zwecken hatte immer schon Ärzte interessiert und vielerlei Versuche wurden über die Jahrhunderte unternommen, auf Menschen mit Musik zu einzuwirken. Von der Antike bis mindestens in die Neuzeit wurde komponierte Musik als Kunstwerk angesehen, das durch ihre Gesetze eine entsprechende Wirkung auf uns hat. Die Frage erscheint deshalb durchaus berechtigt, wie und wodurch Musik denn wirke.
In der Antike wurde Musik als Ausdruck kosmischer Harmonie und Symmetrie verstanden. Es bestand die Auffassung, dass Musik keine individuelle Schöpfung des Menschen sei, sondern kosmische Gesetze widerspiegele. Das Universum (der Makrokosmos) sei nach einem musikalischen Code aufgebaut und die Aufgabe des Menschen als mikrokosmisches Instrument sei es, die makrokosmische Ordnung erklingen zu lassen. Dazu müsse er aber gesund sein.

Gesundheit war gleichbedeutend mit musikalischer Ordnung, während Krankheit bedeutete, dass das menschliche Instrument eben nicht richtig „gestimmt“ war. Musik gehörte der „moralitas“ an und sollte erzieherisch wirken. Dazu gehörte auch die Reinigung der Seele (catharsis).

In diesem metaphysisch orientierten Weltbild hatte das subjektive Empfinden von Musik keine Relevanz, obwohl die Bedeutung der Erfahrung und damit der sensualistischen, subjektiven und hedonistischen Hörempfindung und –erfahrung z. B. von den Sophisten und den Epikuräern durchaus gesehen wurde. Trotzdem warnte noch der Italiener Gioseffo Zarlino im 16. Jahrhundert davor, Musik nur zum Genuss zu hören, weil die Wirkung des sinnlichen Hörens den Menschen verderben würde. Diese Einstellung haben noch heute fundamentalistische „Gotteskrieger“.

Die moderne Rezeptionsforschung als interdisziplinäres Forschungsgebiet, die sich mit der Wahrnehmung, dem Erleben und der Wirkung von Musik befasst, hat das Wissen um neurobiologische, entwicklungspsychologische, emotionspsychologische und soziokultuell geprägte Verarbeitungsvorgänge beim Musikhören immens erweitert.

Früher sah man die Wirkung von Musik nicht in Abhängigkeit von Faktoren wie Kontext, Kultur, Hörgewohnheiten, Biographie usw. wie wir es heute tun. Die Vorstellung, dass die Wirkung von Musik u. a. vom Kontext, der Beziehung zum Arzt oder Therapeuten abhängt sowie von biographischen Faktoren und von der momentanen Bereitschaft, sich einzulassen, ja, dass ein/e Hörer*in die gehörte Musik selber kreativ gestaltet und mit Bedeutung füllt, war überhaupt nicht denkbar.

Während in der Rezeptiven Musiktherapie mit verschiedensten Musikgattungen gearbeitet wird, widmet sich GIM besonders dem Potenzial klassischer Musik. Der Grund liegt darin, dass klassische Musik durch die Art der kompositorischen Struktur  innere Entwicklungen und Imaginationen anregt, während z. B. Popmusik eher körperliche Bewegung oder ein statisches tranceartiges Erleben stimuliert. Ein/e GIM Therapeut*in  verfügt über ein großes Archiv an Musikstücken und Musikzusammenstellungen (sog. Musikprogramme) nach verschiedenen Taxonomien, Funktionen und Stimmungskategorien, aufgrund derer er/sie den/die Patient*in in seinem/ihrem Erleben unterstützen und es vertiefen kann. Die Musik wird aufgrund ihres ästhetischen Potenzials als Kotherapeutin angesehen, die ein Explorieren eines breiten Bewusstseinsspektrums unterstützt, das vom leiblich vegetativen Erleben bis hin in spirituell-transpersonale Bereiche reicht.

Guided Imagery and Music in Form der Bonny Methode und des modifizierten GIMs ist die einzige Methode rezeptiver Musiktherapie, bei der während des Imaginierens zur Musik gesprochen wird. Dadurch kann der Therapeut oder die Therapeutin den Klient*innen/Patient*innen besser helfen, im Erleben zu bleiben und die Imaginationen sich weiter entwickeln zu lassen.

Homepage 129

Therapeutin im Dialog mit dem/der Musik-Reisenden

 

 

 

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